BEDEUTENDE IKONEN
AM 10. SEPTEMBER 2010
(1) SELTENE IKONE DER MUTTERGOTTES VON KORSUN (KORSUNSKAJA) IN EINEM PRÄCHTIGEN
SILBER-EMAILOKLAD
Aus mehreren Teilen zusammengefügte und übereinander verleimte Zypressen- und
Laubholztafel mit zwei oben und unten eingelassenen Stirnseitensponki (einer verloren).
Tempera auf Kreidegrund. Von floraler, detailreich gestalteter Flechtbandbordüre gerahmtes
Silberoklad mit leicht vertieftem, glatten Spiegel. Applizierte Nimben mit durchbrochener
Blattbordüre sowie gewundenen Blatt- und Blütenmotiven in polychromen, äusserst fein
ausgearbeitetem Cloisonné-Email. Der charakteristische Zug der Ikone ist die enge
Verbundenheit von Mutter und Kind: Die Gottesmutter, die bis zur Schulterpartie
wiedergegeben wird, neigt den Kopf zärtlich ihrem Sohn zu, während das Kind seinerseits
die Wange an die der Mutter schmiegt und mit seiner Linken ihren Hals umfasst. Auf der
rechten Seite wird sein Händchen sichtbar. Der Blick der Mutter ist traurig und ernst und
in die Ferne gerichtet, ein Hinweis auf das zukünftige Martyrium ihres Sohnes. Diese
innige Verbundenheit von Mutter und Kind ist in wenigen Gottesmutter-Darstellungen
überzeugender wiedergegeben. Das Oklad zweifach punziert mit der Marke der
Bezirksbeschauadministration Moskau, den Initialen 'I.L' (in Kyrillisch) des
Beschaumeisters 'Ivan Lebedkin' (tätig 1899 in Moskau), der Feingehaltsangabe '84' und dem
Meisterzeichen 'I.A.A.' (in Kyrllisch) für 'Ivan Alexeyev' (tätig in Moskau von
1876-1912), auf der Rückseite der Ikone mit umfangreichem kyrillischem Text mit folgendem
(übersetztem) Inhalt:
'Wahrhaftiges Abbild der heiligen Ikone der Gottesmutter von Korsun gefunden in Nizhnij
Novgorod im Verkündigungskloster. Die Heilige (Ur-)Ikone wurde 993 nach der Geburt
Christi gemalt von dem griechischen Priestermönch Simeon für die Desjatinen-Kirche in
Kiev, mitgebracht nach Nizhnij Novgorod wurde das Heiligtum mit dem Segen des
Mitropoliten Aleksej von Moskau (1355-1378, Mitropolit von Kiev und ganz Russland, er
residierte in Moskau).
Diese Arbeit (wurde gemacht) auf Bitten des gottesfürchtigen Grafen Aleksej Konovnicyn und
den gottesfürchtigen Bewohnern der Stadt Prasnysha (?) für ihre Pfarrkirche zu meinem
Segen. Gemalt (hervorgebracht) von der Nonne des Serafimo-Diveevo-Klosters Serafima und
geschmückt mit einem Silber vergoldeten Oklad. Durch den Eifer (auf Kosten) des Kaufmanns
von Nizhnij Novgorod Nikolaj Arsentev. Geweiht mit dem Segen Gottes während meines
Gebetes in der Kirche des Hauses des Bischofs von Nizhnij Novgorod am 15. Januar 1902.
(?) Nazarij Bischof von Nizhnij Novgorod und Arzamas.'
30 cm x 24 cm.
Russland, Prasnysha (?), Serafimo-Diveevo-Kloster, Ikonenmalerin Serafima,
im Autrage des Grafen Aleksej Konovnicyn, Januar 1902.
Serafima war Nonne im Serafimo-Diveevo-Kloster. Eine Ikone des Heiligen Serafim von Sarov,
die von ihr gemalt wurde, war bei der Heiligsprechung Serafims dabei. Am 20. Juli 1903
besuchte Zar Nikolaus das Serafimo-Diveevo-Kloster und verlieh der Leiterin der
Ikonenmalwerkstatt des Klosters, der Nonne Serafima das Goldene Kreuz für die geistig und
maltechnisch hochstehende Arbeit der Werkstatt.
Der rückseitig aufgebrachte Text legt nahe, dass der Bischof ihn selbst geschrieben hat.
Nazarij Kirillov war von 1901 bis 1909 Bischof, von 1909 bis1910 Erzbischof von Nizhnij
Novgorod und Arzamas.
Die Gottesmutter von Korsun (oder Dneprskaja) gehört zum Typus 'Eleusa' (griech. ??e??sa,
die Mitleidende, Erbarmerin). Nach der Legende soll der Großfürst Vladimir im Jahre 988
eine byzantinische Ikone dieses Typs von (Chersones) Korsun nach Kiev gebracht haben.
Später kam sie nach Novgorod und schließlich nach Moskau in die Maria
Himmelsfahrtskathedrale.
Eine weitere Überlieferung besagt, dass die Urikone der Korsunskaja aus Ephesus stammen
soll. Unter dem Kaiser Manuel I Komnenos (1143-80) und dem Patriachen Lukas Chrysoberchos
soll sie Ende des 12. Jahrhunderts durch die Tochter des Polotzkischen Fürsten Georgios,
Predislava nach Russland gekommen sein. Diese hätte sie dann ihrer Tochter, als sie den
Großfürst Aleksander Nevskij heiratete, zur Aussteuer mitgegeben.
Wir danken Herrn Kurt Eberhard für die Übersetzung, die umfangreichen wissenschaftlichen
Analysen und Recherchen zu der obigen Arbeit.
€ 4000 ,-